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Zeltstadt KulturPur in Hilchenbach-Lützel, © KulturBüro! Siegen-Wittgenstein
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Sidi larbi cherkaoui sutra
to 25.03.18
Tanzfestival „schrit_tmacher just dance! “ in Aachen
Fabrik Stahlbau
Das „Schrit_tmacher“-Festival stand lange im Schatten großer europäischer Tanzereignisse. Heute ist es selber eins. Schritt für Schritt hat es sich erweitert. Mehr Internationalität, mehr Spielstätten, mehr Ensembles, mehr Formate und mehr Publikum: 16.000 Tanzfans sahen das Festival 2017.Die 23. Edition zeigt 15 attraktive Companies aus aller Welt, die alle Spielarten des zeitgenössischen Tanzes vertreten. Zu sehen sind sie in Aachen, Heerlen (Niederlande) und Eupen (Belgien). Die prominentesten Gäste sind zweifellos Sidi Larbi Cherkaoui, Hofesh Shechter und das Nederlands Dans Theater.Der innovative Star-Choreograf Cherkaoui aus Belgien präsentiert sein Erfolgsstück „Sutra“ mit 19 buddhistischen Mönchen aus dem Shaolin Tempel. Gemeinsam mit dem bildenden Künstler Anthony Gormley bringt er den spirituellen Geist der Kampfkunst auf die Bühne: Transformationen, Spiel, Aufbau und Vernichtung. Hofesh Shechter, chronisch pessimistisch, verhandelt in seiner aktuellen Produktion „Grand Finale“ nichts Geringeres als den Weltuntergang – zwischen Komödie und Apokalypse.Mysteriös gibt sich das Nederlands Dans Theater mit der Produktion  „The Hole“ des bedeutenden israelischen Tanzschöpfers Ohad Naharin. Das zahlenmäßig begrenzte Publikum sitzt um eine erhöhte Tanzfläche herum. Bei den acht Vorstellungen stehen entweder ein reines Männer- oder ein reines Frauenensemble im geheimnisvollen Zentrum.Vielversprechend auch: Die Michael Clark Company (Großbritannien) mit ihrer Ode an die Musik „to a simple, rock'n roll . . . song“, die Compagnie Lapsus aus sechs jungen Zirkusartisten mit „Six pieds sur terre“ und die Compagnie Chute Libre (beide Frankreich) mit ihrer Hiphop-Version von Strawinskys „Sacre du Printemps“. Im Ludwig Forum Aachen wird die chinesische Choreografin und Tänzerin Yin Yue mit ihrer New Yorker YY Dance Company ihren ganz eigenen Stil vorstellen: „Too soon to tell“ zwischen Folk und Contemporary Dance.Programm und Spielorte hier.
bühne
Schoene traeume der schlafwandler burak hoffmann die musikerin conni trieder und die koenigin der nacht ayana goldstein
to 02.03.18
»Nachts« im Saal 2
Saal 2, Malersaal (Theater Oberhausen)
»In der Nacht sind alle Katzen grau«, natürlich erklingt auch diese Alltagsweisheit in Franziska Henschels Stückentwicklung für Kinder ab vier Jahren. Aber nicht nur die Katzen sind grau, auch die Häuser und die Autos, die Menschen und alle Tiere. Und das ist ein Glück, denn so können wir alle uns von den vielen Eindrücken und all den bunten Bildern, die tagsüber auf uns eindringen, erholen. Diese Ode auf das Grau der Nacht ist einer der vielen poetischen Momente in Henschels Inszenierung, die nicht nur Schönheit und Stille feiern, sondern auch Perspektiven eröffnen.Henschels Inszenierung gleicht einer Reise durch die Nacht. Also hat die Ausstatterin Johanna Fritz den Bühnenraum in ein Traumreich verwandelt. Schräg gegenüber vom Eingang, in der anderen Ecke des Saals, treffen sich zwei aufeinander gestapelte Bühnenpodeste, die mit einem weichen Teppich ausgelegt sind. Dort wird das Publikum sitzen oder auch liegen und sich in eine magische Welt entführen lassen. In ihr herrscht die Königin der Nacht (schillernd und melancholisch: Ayana Goldstein) über den Schlafwandler (traumwandlerisch: Burak Hoffmann), den Nachtfalter (linkisch: Christian Bayer), Bettmän (exaltiert: Torsten Bauer) und eine Musikerin (Conni Trieder).Alle arbeiten der Königin zu und bringen sie doch ständig aus dem Konzept. Denn selbst im Dunkeln steht die Welt nicht still. Nur sind es nun die unvollständigen, im Innern der Menschen rumorenden Gedanken, die vom Nachtfalter teils gefaltet, teil entfaltet werden wollen. Indessen schenkt der Schlafwandler den Schlummernden ihre Träume und mit ihnen die Möglichkeit, sich in alles und jeden zu verwandeln.Gegen Ende der Nacht sitzen alle fünf Performer gemeinsam in einer Badewanne und gleiten auf Rollen durch den Raum. Dünne Theaternebelschwaden entziehen indessen den Bühnenboden den Blicken. Wie im Traum ist alles im Fluss. Die Badewanne scheint fast zu schweben, und das Publikum hält nichts mehr auf der Erde. Schwerelosigkeit ist eben nicht nur ein Privileg des Alls. (ab 4 Jahren)
bühne
Foto theater
to 04.03.18
„Hamlet“-Oper in Krefeld
Theater Krefeld
Da ist diese eine Figur, von der man nicht weiß, wohin sie gehört und woher sie kommt. Jemand mit Narrenkappe, ein Phantom, ein Hirngespinst, eine Erscheinung. Sie spukt durch das Stück – als Hamlets Schatten, sein zweites Ich, sein verzerrter Doppelgänger. Es ist der Geist von Hamlets Vater (der ja den gleichen Namen trug), ist Ordner und Helfeshelfer (Andrew Nolen). Weil die Welt, in der Hamlet lebt, zum Verrücktwerden ist, kann man nur närrisch werden. Die Erstaufführung der 1868 uraufgeführten, in ihrer effektsicheren Opulenz damals sehr erfolgreichen, in unseren Tagen selten gespielten Oper des Ambroise Thomas inszeniert am Gemeinschaftstheater Helen Malkowsky auf angeschrägter Bühne: konzentriert, zeichenhaft (der leere, schief gestellte Thron Dänemarks) und in konkreter psychologischer Dichte; zumal das Libretto selbst schon die Vorlage (nicht die weithin berühmtere von Shakespeare, sondern die in Frankreich populäre von Alexandre Dumas, Vater) auf wenige Hauptfiguren verengt um Hamlet, Ophelia, Gertrud, Claudius und einige wenige mehr.  Mord, Rache, fatale Liebe, familiärer Horror, intellektuelle Skrupel, Verstellung und Lüge: Alles ist in dem Werk enthalten. Dass Hamlet in dieser Version Thomas König wird, will man so ganz nicht für möglich halten; ihm die Narrenkappe aufzusetzen, ist zwar auch Notlösung, aber schlüssiger. Die raffiniert instrumentierte dramatische Partitur von Ambroise Thomas, berauschend, von emotionaler Fülle, lyrisch sublim, in lodernder Kraft und schimmerndem Glanz, wird von Mihkel Kütson und den Niederrheinischen Sinfonikern präzise und zielschnell gespielt.Es ist der (dreistündige) Abend von Sophie Witte (Ophelia), die in ihrer Wahnsinnsarie keinen Vergleich zu scheuen hat, die zart sein kann und von radikaler Inbrunst. Und der des schwarzen Prinzen (Rafael Bruck, der etwas an Ethan Hawke erinnert) und Hamlets Zerrissenheit in äußerer Erscheinung und seiner inneren Substanz furios darstellt. Unbedingt ein Hingucker und Hinhörer. 
bühne
Auf leben und tod clemens doenicke und dietmar nieder in amok
to 04.03.18
„Amok“ nach Emmanuel Carrère im Saal 2
Saal 2, Malersaal (Theater Oberhausen)
Alles noch einmal zurück auf Anfang. Die ersten zehn Minuten von Jan-Christoph Gockels Theateradaption von Emmanuel Carrères autobiographischem und dokumentarischem Roman „Amok“ sind eine Studie darüber, wie man Prosa möglichst nicht auf die Bühne bringen sollte. Zwei Männer, die zuvor zwischen Pappkartons und Aktenordnern in einem die gesamte Bühnenbreite einnehmenden Stahlregal gelegen hatten, steigen aus ihren Ablagefächern heraus und beginnen, über einen spektakulären Mordfall zu sprechen, der sich in den frühen 1990er Jahren im französischen Jura ereignet hat.Dietmar Nieder, der ältere der beiden, behauptet Ladmiral, der beste Freund des Mörders, zu sein, und erzählt erst einmal, dass er nicht glauben konnte, dass Jean-Claude Romand tatsächlich ein Hochstapler und Mörder ist. Indessen gibt Clemens Dönicke den Schriftsteller Emmanuel Carrère, der durch Zeitungsberichte auf den Fall aufmerksam geworden ist und sich daraufhin von Paris auf den Weg an die Schweizer Grenze gemacht hat, um dort eigene Ermittlungen anzustellen. Als Nieders Ladmiral schließlich die Kontrolle über sich verliert und sich in einen verbalen Amoklauf gegen seinen früheren Freund Romand hineinsteigert, bricht Dönicke/Carrère das Ganze gnädiger Weise ab: „So geht das nicht. Fangen wir noch mal von vorne an.“. So viel Pathos passt einfach nicht, weder zu Romands Verbrechen, das zugleich monströs und banal war, noch zu Carrères Roman, der sich ständig selbst hinterfragt.Also beginnen Dönicke und Nieder tatsächlich noch einmal von vorne. Fortan werden sie beide Carrère und Romand spielen, mal gemeinsam, mal im schnellen Wechsel. Schon bald zeigt sich, dass das Theater weitaus geeigneter ist, die Geschichte des Lügners Romand zu erzählen. Nach Außen hin hat Jean-Claude Romand ein perfektes Leben geführt. Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums hat er eine Stelle bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf angenommen. Das glaubten zumindest seine Freunde und Familie.In Wahrheit hat Romand sein Studium nie abgeschlossen und auch nie in Genf gearbeitet. Den aufwendigen Lebensstil seiner Familie konnte er nur durch weitere Lügen finanzieren und zwar mit dem Schwarzgeld, dass er für Freunde und Verwandte in der Schweiz angelegt hat. Als sein Kartenhaus aus Lügen und Hochstapeleien drohte, zusammenzubrechen, hat er seine Frau, seine beiden Kinder und seine Eltern ermordet und danach erfolglos versucht, sich selbst umzubringen.Dönicke und Nieder, die teilweise bewusst überziehen, nur um einander dann selbst zu schelten, und teilweise ganz sachlich erzählen, was Romand getan hat, verwandeln Carrères Roman in ein doppelbödiges Spiel um Wahrheit und Lüge. Wie Romand sind auch sie als Schauspieler professionelle Lügner, die uns alles erzählen können. Zusammen mit ihren Regisseur entlarven sie das Theater als eine andere Form von Hochstapelei, der sich das Publikum ganz bewusst hingibt, um durch die Lüge der Wahrheit näher zu kommen. Doch gerade in „Amok“, diesem auf wahren Ereignissen basierenden Doku-Thriller, gibt es keine Wahrheit und keine Erklärungen. Alles bleibt Spiel und Spekulation und damit auch offen.