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Zeltstadt KulturPur in Hilchenbach-Lützel, © KulturBüro! Siegen-Wittgenstein
bühne
Foto monika rittershaus
to 30.05.19
„Penthesilea“ in Bochum
Schauspielhaus Bochum
Die Frau und der Mann tragen schwarze Trikotoberteile und Kleider wie Priesterröcke. Sie bewegen sich nervös wie Welpe und Fohlen, wippen, tänzeln, als sei das Schlachtfeld ein Tennisplatz: hier der zart besaitete Mann, der die Arme hoch über den Kopf hebt in einer graziös weichen Geste und matt vom Triumpf kündet, dort die elastisch gespannte Frau. Zwei Spielkinder im erwachsenen Spiel auf Leben und Tod: Penthesilea und Achilles. Sandra Hüller und Jens Harzer nehmen’s leicht, flöten und kosen Kleists Sprache. „Hass“ klingt wie ein Tändeln. Aus dem Dunkel leuchtet es. Johan Simons zaubert das Blutstück aus dem Kampf um Troja in die Lüfte hinein. Nun schwebt es wie ein Mobile, schwerelos, frei, bereinigt von Zierrat und Pomp. An den Bühnenrand setzt Johannes Schütz als Grenze ein Lichtband, das sich verbreitert zum Leuchtboden, auf dem die Beiden gehen wie auf Eis. Ansonsten regiert die Nacht. Die übrigen Figuren des Dramas sind entfernt. Alles ist konzentriert auf die Amazone und den Held: Täter und Opfer in einem und im Wechsel. Ach, die Götter werden schon aufpassen. Oder etwa nicht? Harzer wühlt in Hüllers Blondschopf, umfasst sie zärtlich, berauscht sich am Duft des eigenen Schweißes, winkt ab, wenn Gefahr zu drohen scheint. Die Vokale dehnend, kostet er das Leibliche aus, bis er nur noch in Unterhose und Stiefeln da steht und auch diese  ablegt. Nun trägt er bloß ein Medaillon – seine ganz Rüstung. Hüller stolziert, stakst, singsangt im Mädchenton, spreizt die Beine im Spagat, pustet Harzer eine Haarsträhne fort, pfeift ihm wie Frauchen einem Schoßtier, krabbelt mit den Fingern auf ihm, um ihm die gelernte Lektion vom Gesetz der Amazonen vorzutragen, unfroh über den Ritus des mörderischen Rosenfestes. Sie repetiert Satz um Satz, um sich in Rage zu bringen, zerrt an sich, als sei ihr der Körpermantel aus Haut zu eng.  Sie knabbern und schmecken einander, noch in Lust oder schon im Jagdfieber und Irrsinn? Nichts in den packenden, betörenden zwei Stunden ist sich naiv gebende oder effektvoll schäumende Emotion. Jede Wendung, Empfindung, Stimmung, Körperhaltung, Begegnung ist einmal um die Welt gegangen und beglaubigt im Innersten. Hüller und Harzer sind stets reflektiert und liefern sich gleichzeitig mit jeder Faser aus. Dann schlägt Sandra Hüller mit ihrer Stimme Alarm, wird zum Schrei und kleidet sich in die Schlachtmontur des Kampfgirls. Ihr Psycho-Drama aber bleibt hell. Der Krieg ihrer Körper wird von Johan Simons wiederholt – mit umgekehrten Rollen. Sie wird er. Er wird sie. Mit einem Verbeugen bittet Penthesilea ihn um Verzeihung und Achilles sie. Sie umfängt ihn. Er umfängt sie: Identitäts-Tausch und -Aufhebung. Und erlöst – im Spiel, wenn Hüller & Harzer ins Dunkel abgehen. Nun darf es wieder beginnen. Aufs Neue. Auf ewig. 
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Verdis otello an der rheinoper
to 04.05.19
Verdis "Otello" an der Rheinoper
Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf)
Das Nachtstück beginnt mit dem Blitze umzuckten Wüten eines Sturms vor Zyperns Küste, als würde das Dies irae im Requiem ertönen. So hat es Verdi komponiert, so verstärkt es an der Düsseldorfer Rheinoper Michael Thalheimer noch einmal wirkungsvoll und setzt Shakespeares Tragödie zur Gänze in eine schwarz gepanzerte Dunkelkammer (Bühne: Henrik Ahr).Da ist nichts Helles, bis auf den Staub, den Jago in seiner negativen Theologie und nihilistischen Philosophie einmal in die Luft hinein pustet: Asche zu Asche. Und bis auf das weiße Brautkleid und Totengewand der Desdemona, nach deren Ermordung die Ränder des leeren Raum-Kastens aufbrechen und weiße Kante zeigen. Zu Anfang scheinen alle Beteiligten von den Protagonisten bis zum Chor die zeitweise die Theater heimsuchende Black-Facing-Debatte zu kommentieren, indem sie sich schwarze Schminke ins Gesicht reiben. Es gibt im ersten Akt kein rassereines Weiß in dem venezianischen Männerbund und der von Intrigen, Neid, Hass und der »schwarzen Hydra« Eifersucht vergifteten (dezent faschistisch eingekleideten) Umgebung Otellos. Der verachtete Mohr sieht noch aus wie ein jeder. Die Differenz liegt woanders.Während Axel Kober mit den Düsseldorfer Symphonikern exzellent die Partitur zum Glühen und geformten Wüten bringt, konzentriert sich Thalheimer – ganz wie es seine Art auch beim Schauspiel-Theater ist, aber hier ohne Verlust für ein Drama in seinen Nuancen und mit Gewinn für spannungsintensive Verdichtung – auf den wilden Konflikt, den Jago und Otello auf Leben und Tod austragen. Die Gegner kommen sich dabei so nahe wie Brüder in ihrer Rachsucht: besonders in der Szene, wenn beide die Uniformjacken ablegen und im Muscle-Shirt einander gleich werden. Jago erhebt sich bei dem auch stimmlich hervorragenden Boris Statsenko in seiner treibenden Kraft und abgründigen Dämonie zur Hauptfigur. Wenn er in einem furiosen Moment sein Anti-Glaubensbekenntnis ablegt (»Ich glaube an einen grausamen Gott«) und wie der Prophet des Anti-Christ auftritt, projiziert sich ein lichtes Kreuzeszeichen hinter ihm wie bei einem gemalten Malewitsch.Verdi / Shakespeares Passionsgeschichte mit dem sich in sein Schicksal duckenden, vom hirnrasenden Wahn in den körperlichen Krampf geführten Otello (Zoran Todorovich) auf dem Weg zu seinem Kalvarienberg und in seine Hölle verläuft als unaufhaltsamer Sog. Für sein Entree in den Tod durch eigene Hand wird ihm bei Thalheimer der Teufel Jago noch den Dolch reichen. Im Kontrast dazu steht die Himmelskönigin der Desdemona (Jacquelyn Wagner), die in der Inszenierung überhöht zum Altarbild und als sanfte Heilige und unbefleckte Jungfrau in Positur gebracht wird – tatsächlich wie auf einem Zurbarán-Gemälde. Aber Erlösung ist in dieser heillos schwarzen Messe nicht vorgesehen.
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Foto julian roder
to 17.05.19
Euripides’„Iphigenie“ & Jelineks „Sportstück“ in Bochum
Schauspielhaus Bochum
Flaute. Das Heer von Hellas wartet. Meeresstille und keine glückliche Fahrt. Der Kampf um Troja kann nicht beginnen. Iphigenie wird von ihrem Heim Argos fortgelockt nach Aulis. Aber sie soll nicht des Achills Braut werden, sondern Braut des Todes. Ihr Mädchenleben ist der Preis für die Möglichkeit zum Sieg. Das ist Politik – die Triebenergie zum Großen und zur Gewalt. Was tut da ein kleines Sterben! Opfer und Täter, Mutterrecht und Vaterrechthaberei und/oder umgekehrt. Davon erzählt Euripides’ in der „Iphigenie“, der Vorgeschichte zum Trojanischen Krieg und dem Fluch der Atriden. Im Schauspielhaus Bochum wird die Tragödie kombiniert und montiert mit Elfriede Jelineks Marathon-„Sportstück“ ohne Handlung über die Trias Sport – Krieg – Mann. Vernichtung durch Konsum, auch durch den Körper, der zur konsumierbaren Ware wird. Vernichtung durch den männlichen Blick, männliche Hybris, männliche Herrschaft sowie durch weiblich-mütterliches Dulden und auch durch Sich-Entmündigen- und Entsexualisieren(-Lassen). Drei von neun Musen sprechen: Erato, Kalliope und Polyhymnia machen sich einen Sport und Spaß daraus, den antiken Chor zu repräsentieren und zu persiflieren, Autorität zu verkörpern und zu brechen, sich in der griechischen Mythologie zu verhaspeln, uns bei Laune und in der Helden- und Götterkunde sagenhaft lexikalisch auf dem quivive zu halten und zudem den Körperkult und den Triumph des Willens kräftig zu verhöhnen. Regisseur Dušan David Pařízek inszeniert eine Kriegserklärung, die nicht das Land der Griechen mit der Seele sucht, sondern „Schicksal, Leiden, Schmerzen“ dort lokalisiert, wo biosoziale Debatten angezettelt werden. Die Aufführung unternimmt eine Suchbewegung des Sich-Annäherns und Entfernens, Auflösens und Befestigens gegenüber Text und Figur. Alle sechs bravourösen Darsteller/innen verdienen dafür das Goldene Sportabzeichen. Geschlechter-Rollen bleiben ohne festen Umriss. Die ‚Todsünde’ Familie verliert an eindeutiger Zuschreibung. Neue Kampflinien ziehen sich ein. Das Elternpaar Agamemnon und Klytaimnestra wird von Jele Brückner mit intensiver, inniger Leidenschaft verkörpert, so dass die weiblich-männliche Spaltung zur Einheit und beim Streitfall um Staatsräson und Gewissen in die Ich-Krise geführt ist. Achill liegt bei Anne Rietmeijer als muskelbepackter Rock’n’Roll-Rammler und Adidas Champion mit sich selbst im Clinch, ohne dass es zur Vergröberung käme; es hat vielmehr – und viel mehr – Feinsinn. Svetlana Belesova bringt Menelaos und seine Nichte Iphigenie zur Deckung. Konstantin Bühler, Lukas von der Lühe und Bernd Rademacher treten als Choristinnen zum Hausfrauenreport an.In Bochum wird Iphigenie (Belesova) zwar in sich gefasst –blutüberströmt – in ihren Tod gehen. Aber da ist kein Zweifel, dass dies nicht des Dramas rechter und weiser Schluss ist. Der hohe Bühnen-Riegel wendet sich mit einem Dreh zur Spiegelwand und konstruiert so eine weitere doppelbödige Ebene, neben all den anderen: mit den vom Ensemble getragenen halben Glatzen und Masken, mit dem Transgendern, mit der Familien Auf- und Umstellung, mit dem Swingen von der Tragödie in die Satire und Abstraktion, mit den diversen emotionalen Haltungen und Haltungsschäden. 
bühne
Verdis aida an der rheinoper
22.04.19 19:00 pm
Verdis „Aida“ an der Rheinoper
Bambi
Verdis Ägypten-Expedition, uraufgeführt 1871 in Kairo, kann, aber muss man nicht als triumphalen und elefantösen Massenaufmarsch der Antike zeigen. Macht versus Gefühl, Staatsräson versus Liebe, das sind die für den Komponisten prägenden Konstanten, letztlich stabiler als selbst die ewigen Pyramiden. „Tu – in questa tomba?“, so der Grabgesang der Liebenden Radames und Aida, der etwa Hans Castorp auf Thomas Manns „Zauberberg“ als das „verklärteste, bewunderungswürdigste, was ihm je untergekommen“, in der Fülle des Wohllauts erscheint. Das Grab an der Rheinoper – auf Johannes Leiackers Bühne und in Philipp Himmelmanns Inszenierung – ist ein bürgerlicher Salon des 19. Jahrhunderts, in dem Verdi selbst leben könnte oder Richard Wagner oder Bismarck oder Napoleon III. Darin tänzelt Aida als adrettes Servierfräulein mit weißem Häubchen zwischen Palmen, Plüsch und Polstern. Der Krieg, der den Hintergrund liefert, ist also kein orientalischer Feldzug, sondern der mitteleuropäische Krieg 1870/71, der auch dafür verantwortlich war, dass die Kostüme für die Uraufführung nicht nach Kairo verschifft wurden. Prächtig ist die Ausstattung Kostüm (Gesine Völlm), aber auch etwas im Dekor erstickend. Das ändert sich, wenn schwarze Särge mit Lorbeer-Ornament – Heil Dir im Siegerkranz – auf die Bühne gespült werden. Und die Protagonisten ihr Äußerstes geben: zunächst Amneris als triumphal flammende Rächerin mit vollendeter Grandezza (Susan Maclean) sowie Aida (Morenike Fadayomi) und Radames (Sergej Khomov), die in ihrem gemauerten Grab von der Macht erdrückt werden. Die Liebe unterliegt der politischen Ambition. Himmelmann,  der an der Rheinoper seine Ägypten-Kenntnisse bereits in Händels „Giulio Cesare in Egitto“ belegt und im Duo mit Leiacker in seinem Berliner Verdi-„Don Carlo“ Sinn für ein hoch emotionales Drama bewiesen hat, geht in „Aida“ einige seltsame Wege, ohne den Königsweg der Musik zu verfehlen, dirigiert von GMD Axel Kober, der die Düsseldorfer Symphoniker komplex, energisch und klangfein lenkt.
bühne
Ein alternatives navigationsgeraet herr kwant florian lange lenkt theo glass sebastian tessenow durch die strassen der stadt
to 03.05.19
„Die Mitwisser“ auf der kleinen Bühne im Central
Central am Hbf. (Schauspielhaus Düsseldorf)
„Die Mitwisser“, Philipp Löhles Dystopie einer von Robotern beherrschten Welt, spielt in der Vergangenheit. Aber natürlich zielt diese boulevardeske Komödie direkt ins Herz unserer von Algorithmen und Smartphones, von Alexa und Siri, Facebook und Google geformten Wirklichkeit. Das stilechte 70er Jahre-Bühnenbild, das Martin Miotk für Bernadette Sonnenbichlers Uraufführungsinszenierung entworfen hat, setzt auf Distanz und ironische Brechungen. Man weiß sofort, dass die Geschichte des Enzyklopädisten Theo Glass (sträflich naiv: Sebastian Tessenow) und seiner Frau Anna (bewundernswert pragmatisch: Tanja Schleiff) in einem parallelen Universum spielt. Die technische Entwicklung hat eine andere Richtung genommen, ist aber am selben Ziel angekommen.Eines Tages verkündet Theo seiner alles andere als begeisterten Ehefrau, dass sie nun einen neuen Mitbewohner haben. Herr Kwant, der sich sehr zur Freude Theos selbst als Josef K. vorstellt, wird ihnen fortan im Haushalt wie im Büro zur Seite stehen. Dieser Josef K. hat, zumindest so wie ihn Florian Lange spielt, zwar etwas von einem Diener alter Schule. Aber das ist nur Fassade. Viel aufschlussreicher ist das Plakat von Michael Crichtons SCi-Fi-Klassiker, das Theo und Anna in ihrer Wohnung hängen haben. Wie die Bewohner von „Westworld“ ist auch Herr Kwant ein Roboter, eine künstliche Intelligenz, die fortwährend Daten sammelt und sich mit anderen Kwants vernetzt. Theo kommt er wie ein Geschenk vor. Schließlich muss er für diesen praktischen Helfer, der ihm im Büro zu singulären Höhenflügen verhilft und als Navigationssystem immer den besten und schnellsten Weg durch die Stadt kennt, nichts zahlen. Dass Josef K. ihm immer wieder teure Haushaltsprodukte aufdrängt, stört ihn nicht weiter.Die Anspielungen auf uns bekannte Techniken, wie sie Smartphones und Tablets bieten, sind offensichtlich. Löhle verstärkt sie aber auch noch durch Übersetzungen bekannter Anglizismen. So hat Herr Kwant in seiner Aktentasche auch zahlreiche „Gesichtsbücher“, die Fotos und intime Informationen über so ziemlich alle Menschen in Theos Umfeld enthalten. Als die Fähigkeiten der Kwants nicht nur Theo seinen Job kosten, entsteht eine ganz neue vernetzte Ökonomie, in der „Beeinflusser“ wie Babsi Bunt, Theos frühere Kollegin Sabrina David (verführerisch-kapriziös: Lou Strenger), mit all ihren „Verfolgern“ viel Geld verdienen können. Diese Übersetzungen schärfen wie auch das 70er Jahre-Ambiente den Blick für die Absurditäten unserer heutigen digitalen Wirklichkeit. Löhle nennt sein Stück selbst „eine Idiotie“ und verweist damit auf unsere Blauäugigkeit. Wie der unbedarfte Theo, der später zum machtlosen Mahner wird, geben wir unsere Souveränität allzu bereitwillig auf.Aber Löhle und Bernadette Sonnenbichler beschränken sich nicht nur auf das Offensichtliche. Sie haben sich tatsächlich von „Westworld“ und anderen Science Fiction-Erzählungen der 50er bis 70er Jahre inspirieren lassen und spüren den Regungen künstlicher Wesen nach. So entwickelt sich Florian Langes Josef K. von einem teilnahmslosen, sich mechanisch bewegenden Roboter mit der Zeit zu einer fühlenden Figur. Natürlich können die Kwants nur aufgrund der Idiotie der Menschen die Herrschaft übernehmen. Aber auch sie verändern sich, und so ist die Zukunft offener, als das Stück zunächst andeutet.
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Maerchenstunde mit dem verfassungsschutz dennis laubenthal lilly gropper und christoph rinke
to 26.05.19
Tugsal Moguls „Auch Deutsche unter den Opfern“ im U2
Städtische Bühnen Münster
Irgendwann kommt der Punkt, an dem es einfach zu viel wird, an dem es nicht mehr möglich ist, so weiter zu machen wie bisher. Für Christoph Rinke ist genau dieser Moment erreicht, als er all die Morde aufzählt, die in vergangenen 25 Jahren in Deutschland von Rechtsextremen begangen wurden. Es ist eine nicht enden wollende Litanei brutalster Gewalt. Immer schneller folgen die Namen und Ereignisse aufeinander, und Christoph Rinkes Stimme scheint sich fast zu überschlagen. Maßlose Verzweiflung und unbändige Wut vermischen sich in seinem Vortrag, der schließlich mit dem bitteren Fazit endet: „Das waren alles Einzeltäter.“ So heißt es auf jeden Fall von offizieller Seite. Doch die hat in diesem Augenblick nicht nur für Rinke jede Glaubwürdigkeit verloren.Für die Dauer dieses langen Monologs der Morde, der auch eine Art von Kaddisch ist, scheint Tugsal Moguls Recherche-Projekt zum NSU-Prozess beinahe stillzustehen. Dieser Abend, der mit den unterschiedlichsten Mitteln arbeitet, der mal klassisches Dokumentar-Theater und mal bitterböse Satire ist, der die Morde der Terrorgruppe rekonstruiert und zugleich eine Prognose über den Ausgang des Prozesses wagt, verwandelt sich in ein theatrales Totengebet. Viel zu schnell sind die vielen Opfer rechtsradikaler Gewalt aus den Nachrichten und den Erinnerungen der Öffentlichkeit verschwunden. So ist es nun an uns, ihrer noch einmal zu gedenken.Gleich zu Beginn von „Auch Deutsche unter den Opfern“, in einer Szene, die deutlich an Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ erinnert, heißt es: „Sie werden hier nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben.“ Und genauso ist es auch. Tugsal Mogul versammelt einfach nur Fakten und Aussagen, Polizeimeldungen und Politikerstatements zu der NSU-Mordserie im Besonderen und zu rechter Gewalt im Allgemeinen. Aber in dieser Konzentration entwickelt das Bekannte eine extreme Wirkung. Es lässt sich nicht mehr Verdrängen und Verharmlosen.Mogul und sein Ensemble, das mal CSI und mal Märchenstunde spielt, müssen das Publikum gar nicht beschimpfen. Die Ereignisse, die sie referieren, sprechen für sich und sind immer auch mit einer Frage an uns alle verbunden. Wie konnte es soweit kommen und welchen Anteil hat jeder einzelne daran?
bühne
Hier wird kurzer prozess gemacht im namen von kirche und staat
to 18.05.19
Arthur Millers „Hexenjagd“ in Düsseldorf
Studio Central (Schauspielhaus Düsseldorf)
 „Es sind neue Zeiten“, heißt es in Arthur Millers Text. Wir können uns einen Reim darauf machen, welche gemeint sind. Das Drama entstand 1953 als Reaktion auf Joseph McCarthys Tribunal und den hysterischen Exorzismus einer vermeintlichen linken bzw. kommunistischen Gefahr in Hollywood und anderswo. Aber „Hexenjagd“ ist immer. Nur das Opfer wechselt. Denunziation, inquisitorischer Bekenntnis-Druck, das Verketzern von Sex und die Triebumlenkung in den Rausch der Macht sowie das propagandistische Benutzen von Massenwahn bleiben. Der 1980 in Russland geborene Regisseur Evgeny Titov ist so wenig an der historischen Rekonstruktion interessiert wie an einem abstrakt bereinigten Prozess. Er kreiert im Kleinen Central des Düsseldorfer Schauspielhauses eine sich symbolisch akzentuierende Welt, die den Assoziations-Spielraum öffnet. Die schmutzig hell gekachelte Bühne (Christian Schmidt) lässt an eine Folterkammer ebenso wie an die Pathologiestation denken oder an einen Schlachthof, zumal eine tote Kuh von der Decke herabfällt, alle Viere von sich gestreckt. Der Kadaver könnte Stellvertreter des biblischen Sündenbocks sein, dem durch Handauflegen die Schuld der Gemeinschaft aufgebürdet wurde. Elizabeth Proctor, die von ihrer früheren Magd Abigail aus Eifer- und Rachsucht verleumdet wird, fuhrwerkt in den Eingeweiden des massigen Tieres bis zu den blutig rot gefärbten Ellenbogen. Die ihre Besessenheit nur  vorspielende, die anderen verhetzende Abigail (Tabea Bettin) wiederum hockt mit lasziv gespreizten Beinen über einem Waschtrog und befeuchtet ihre Scham: eine profane Magdalena aus der Lusthölle, umflort von einer weich flötenden Melodie. Den Prozess gegen die angeblichen Hexen und Hexer, der Dutzende Menschen in Salem an den Galgen bringt, überhöht die Inszenierung, die für ihre Szenenwechsel mit kurzen Auf- und Abblenden arbeitet, zu einem wie ins Klinikum verlegten Götzendienst, der sich als Gottesdienst maskiert. Eine Fontäne Schmutzwasser schießt aus dem Plafond und besudelt die Zeugin Marry Warren. Das Ehepaar Elizabeth und John Proctor, bei Judith Bohle und Sebastian Tessenow Zentrum der intensiven Aufführung, wird gegen Ende, jeweils an den Füßen gefesselt, in mühsamem Zueinander-Streben die Berührung suchen.In der Zellen-Einrichtung zum Brechen von Leib und Seele begegnen uns Dramen-Figuren in stilisierter Form – ein schwarzweißes Ensemble in dunklen Anzügen und Mänteln, hochgeschlossenen Internats-Kleidern und dünnen Hemdchen. Zum Finale offenbart Titov in großer Geste Verwüstung und Verwesung, während von fern Wispern und hallendes Wehklagen ertönt. Die Hinrichtungs-Prozedur besteht nun darin, die Verurteilten mit Müllsäcken zu ersticken, von denen sich schon ein schwarzer Haufen stapelt. Auflösung und Zersetzung haben den von Interessen und Ideologie unterminierten Rechtsstaat von innen her befallen, wenn etwa Pastor Parris sich in Zwangshandlungen verliert, der in seiner Selbstgewissheit ruhende Gerichtsherr Danforth (Florian Lange) seines properen Auftretens verlustig geht und der Henker Hathorne sich in einem bräutlichen Kleid wie irre im Veitstanz dreht. Eine ganze Gesellschaft büßt hier Halt und Haltung ein. Individuelles und kollektives Außer-Sich-Geraten fallen in eins. 
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Foto sandra then
to 11.06.19
Shakespeares „Coriolan“ in Düsseldorf
Central am Hbf. (Schauspielhaus Düsseldorf)
Coriolan ist der Volksfeind, der den murrenden, wankelmütigen Plebejern das Brot vorenthält und sie mit seiner Arroganz demütigt. Die Wutbürger empören sich, verhindern sein Konsulat, stürzen und verbannen ihn, trotz seines Sieges über die Volsker, als Verräter. In der „Kanaille“ und ihren hetzenden Tribunen erkennen wir alternative Parteiungen. Wie kann der Einzelne eine Misstrauensgesellschaft für sich gewinnen, wie sich in ihr behaupten, sich in ihr wandeln, wie sie überwinden? Der Vertriebene stellt sich in den Dienst des Todfeindes Aufidius und der Volsker, um mit ihnen Rom zu vernichten. Der väterliche Freund Menenius, seine Mutter, die Gattin, das Söhnchen flehen Coriolan um Gnade an. Das hoheitsvoll goldene Idol, zu dem er wurde, schmilzt im Mitgefühl. Er schenkt Frieden. Ihn kostet es das Leben.Der Clown ist Fremdkörper, sozial, biologisch, historisch unbestimmbar. Als Spielernatur geht er durch Zeiten und Geschlechter. Er kann männlich und weiblich sein, Protagonist und Antagonist, Gott und Teufel, These und Antithese. Der Clown repräsentiert die Gegenwelt zu Norm und Gesetz. Er steht außerhalb und allein – wie Martius Coriolanus, Patrizier, Feldherr, Triumphator, Rebell gegen seine Heimat Rom.  Die Maske des Clowns lässt Eindeutiges mehrdeutig sein. Wenn Differenz unter der Schminke verwischt, werden die Karten neu gemischt. Tilmann Köhler und sein reines Männerensemble trumpfen mit dem Shakespeare-Drama in Düsseldorf auf – und machen das Spiel. Ihre Manege im Schauspiel-Central ist eine leere Holzschachtel mit kreisrundem Loch. Acht Anarchisten des Gelächters treiben es darin bunt: mit roten Nasen auf weißer Haut, mit dunkel geränderten Augen unter neongrellen Perücken und Glatzen, in karierten oder gestreiften Kleidern und Röcken. Ihr grinsender Narren-Look demoliert die Hack- und Rangordnung. Demokratisierung als rüder Jokus und Horror-Picture-Show. André Kaczmarczyk – viertelstarker Bengel von keckem Vorwitz – wattiert sich als Muskelmann. Kein eherner Heros tritt auf, sondern ein Invalide hinkt in seine Konfettiparade. Dennoch flammt seine Rede, die sich gegen das affektiv Populistische richtet. All der Kinderkram enthält ein Geheimnis: das Paradies dieses Coriolan. Kaczmarczyk ist das konditionierte Kind, dem sein Nimmerland verloren ging, das erlöst sein will von den unlösbaren Banden der Herkunft und der Virilität. Der Verstoßene, entblößt seines Kostüms und seines Rollenzwangs und nun vielleicht frei, schreibt Shakespeares Sehnsuchtsorte an die Wand: Illyrien, Arden, Belmont – und das gegnerische Antium. Köhlers Inszenierung stellt, ohne dem Gegenwärtigem nachzueifern, Fragen, die im puren Kunstraum dringlicher nachhallen. Die Ambivalenz der Macht splittert auf der kahlen Bühne zu Facetten, die sich nicht zu banaler Aussage verkleben. Der Fant Coriolan sucht den Platz, an dem  seine junge Seele sich ausbreiten kann. Für einen rührenden Moment findet er ihn in der zärtlichen Begegnung mit Aufidius (Jonas Friedrich Leonhardi), wenn sie liebend fast den Identitätstauch vollziehen. Unheilbar krank daran, erwachsen zu sein, bleibt Coriolan im Dunkelgefunkel seiner Einsamkeit. Der kleine Martius, Stimme und Ebenbild seines Vaters, erhält bei Köhler das letzte Wort für Vernunft und Staatsraison. Ein Appell.