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Zeltstadt KulturPur in Hilchenbach-Lützel, © KulturBüro! Siegen-Wittgenstein
bühne
Im spinnennetz der schuld balint toth ulrike knobloch und carola von seckendorff
to 17.06.18
Lot Vekemans' „Falsch“ im U2
Städtische Bühnen Münster
Was ist geschehen? Das ist noch die einfache Frage. Auf der nächtlichen Rückfahrt nach einer Familienfeier hatten die beiden Schwestern Sis und Kat einen Autounfall. Sis, die jüngere der beiden, eine erfolgreiche TV-Moderatorin, ist gefahren und behauptet nur eine Leitplanke gestreift zu haben. Ge, ein Zeuge, beteuert allerdings, dass er gesehen hat, wie Sis eine Frau angefahren und kurz angehalten hat. Dann sei sie abgehauen und habe die Verletzte sterben lassen. Die Schauspielerin Kat hat indessen auf der Rückbank des Wagens ihren Rausch ausgeschlafen und nichts von allem mitbekommen. Das sagt sie zumindest immer wieder.Aber es steht nicht alleine Aussage gegen Aussage, Erinnerung gegen Erinnerung, in Lot Vekemans' Versuchsanordnung „Falsch“, deren deutschsprachige Erstaufführung Frank Behnke in der kleinsten Spielstätte des Münsteraner Theater in Szene gesetzt hat. Die Zuschauer können sich nicht einmal sicher sein, ob, was sie gerade sehen tatsächlich so passiert. Allem Anschein nach wurden Sis (aufbrausend und liebesbedürftig: Ulrike Knobloch) und Kat (zynisch: Carola von Seckendorff) von der Polizei zum Verhör einbestellt. Nun sitzen sie in einem seltsamen, ziemlich surreal anmutenden weißen Raum (Ausstattung: Christine von Bernstein), dessen Boden und Wände von unregelmäßigen schwarzen Linien durchzogen werden.Alles scheint zersplittert und unberechenbar. Die Wirklichkeit ist ein Scherbenhaufen, in dem auch der von Bálint Tóth verkörperte Ge sitzt. Ist dieser nervöse bis paranoide Mann, der ständig zu einer unter der Decke angebrachten Überwachungskamera spricht, nun ein Zeuge oder doch eher ein Verdächtiger? Haben ihn Polizisten misshandelt, oder sind es nur die Schwestern, die in einem seltenen Moment geschwisterlicher Solidarität über ihn herfallen? Die Antworten auf diese Fragen schwanken ständig. Was in einem Moment selbstverständlich erscheint, wirkt im nächsten wie Wahn und Lüge. Frank Behnke und sein Ensemble halten die Situation immer geschickt in der Schwebe, bis man am Ende jede Gewissheit verloren hat.
bühne
Als waers ein abend von christoph marthaler das ensemble von claudia bauers schoepfung
to 12.07.18
„Schöpfung“ nach Joseph Haydn im Schauspielhaus
Schauspielhaus Dortmund
Etwas fehlt. Das fällt sofort auf. Aus „Die Schöpfung“, wie Joseph Haydn sein im April 1798 uraufgeführtes Oratorium zum Lob Gottes, des Schöpfers, überschrieben hat, ist einfach „Schöpfung“ geworden. Der feste Glaube an den einen Gott, der im Anfange Himmel und Erde schuf, hat in den vergangenen 220 Jahren mehr als nur ein paar Risse bekommen. Spätestens seit Darwin und dem Wissen um die Evolution haben sich die Prioritäten verschoben. Die Schöpfung ist kein singulärer Akt mehr. An die Stelle des einen Gottes ist die Menschheit getreten, die mittels der Wissenschaften und der Technik die Evolution in ihre Hände nimmt. Die an ihre vergängliche Hülle gefesselten Menschen werden zu Schöpfer von Leben, das jenseits alles Biologischen existiert und sich irgendwann gänzlich von allem Menschlichen lösen wird. Das ist zumindest die Vision, die Claudia Bauer und Dirk Baumann zum Ausgangspunkt ihrer musiktheatralen Reflexion über das Verhältnis zwischen dem Menschen und einer aus Algorithmen erwachsenden Künstlichen Intelligenz machen.All die Lobpreisungen des Herrn versperren ein wenig den Blick. Natürlich feiert Haydn mit seinem Oratorium auch Gott. Das eigentliche Zentrum seiner Komposition ist jedoch der Mensch, der »König der Natur«. Daran lässt Claudia Bauers Inszenierung von Anfang an keinen Zweifel. Allerdings ist der Mensch in ihren Augen längst kein König mehr. Die Rolle hat er selbst abgegeben, als er zum gottgleichen Schöpfer Künstlicher Intelligenzen wurde. In der neuen, der posthumanen Welt sind seine Geschöpfe Könige der Natur und der Algorithmen.„Wir / sind niemand“, verkünden Ekkehard Freye, Björn Gabriel, Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder und Uwe Rohbeck zu Beginn im Chor, um nur wenig später zu erklären: „Wir / benutzen die menschliche Sprache / als würden wir eine Maske mit aufgemaltem freundlichem Lächeln benutzen.“ Menschen verkörpern eine nicht-menschliche Künstliche Intelligenz aus der Zukunft und schlüpfen dafür in Kostüme, die aus der Zeit gefallen sind. Claudia Bauer spielt mit Widersprüchen und Anachronismen. Um mehr über ihre Schöpfer zu erfahren, schlüpfen die Geschöpfe in deren Körper und zeichnen deren Weg von den Anfängen der Evolution nach. Eine zweite Schöpfungsgeschichte, an deren Ende der neue »König der Natur« steht.Parallel dazu erklingt Haydns Oratorium in einer bearbeiteten Version für eine Sopranistin, einen Tenor und einen Bass. T.D. Finck von Finckenstein hat die Komposition stark reduziert und elektronisch verfremdet. So könnte auch eine Adaption durch die Nachfolger der Menschen klingen, rauer, weniger emotional. Denn die widersprüchlichen menschlichen Emotionen werden den Künstlichen Intelligenzen auf immer ein Rätsel bleiben. Am Ende trifft eine nicht-menschliche Eva auf einen menschlichen Adam und will ihn verführen. Das kann nicht gut gehen. Bettina Lieder und Frank Genser spielen diese verhinderte Liebesszene als transhumane Tragikomödie. Wieder einmal erweist sich ein Schöpfer als seiner Schöpfung unwürdig.
bühne
Hoehenfluege der imagination manuel zschunke und hajo tuschy als don quijote und sancho panza
to 27.06.18
»Don Quijote« in der Werkstatt
Werkstatt (Theater Bonn)
»Ein Raum, zwei Leute, kein Publikum, keine Bewertung ... das ist Theater!« Das sind zwar nicht ganz die letzen Worte, die in der kleinen Bonner Spielstätte erklingen. Aber sie bleiben einem als Schlusswort im Gedächtnis. Eine radikale Vision von einem Theater, das sich selbst genügt, das den Zuschauer nicht braucht und ihn am Ende doch nicht ausschließt, auch wenn es zunächst so klingt.Manuel Zschunke und Hajo Tuschy sind diese »zwei Leute«, die sich Miguel de Cervantes’ Roman von den Abenteuern des Ritters von der traurigen Gestalt als zwei Schauspieler namens Manuel und Hajo nähern. Anscheinend hatten sie sich an eine Adaption des Klassikers gewagt und sie in der Werkstatt hinter der Oper präsentiert. Doch während der Vorstellung kam es zu einem Skandal. So wie Don Quijote Windmühlen für feindliche Riesen gehalten hat, so hat Manuel in den Zuschauern Feinde gesehen und einen Kritiker physisch attackiert.Nun sitzt Manuel arbeitslos in seiner kleinen Wohnküche und brütet vor sich hin, während die Fenster einen Blick auf Videobilder von der Straße vor der Werkstatt freigeben. Der Ort seiner großen Niederlage ist zum Greifen nah und erinnert diesen Schauspieler von der traurigen Gestalt fortwährend an seine Träume und sein Trauma. Als schließlich Hajo mit Bier und Chips vorbeikommt, prallen erst einmal Gegensätze aufeinander. Der Träumer Manuel und der Realist Hajo können sich nicht einig werden, weder über Cervantes’ Ritter noch über die Eskalation auf der Bühne. Aber das müssen sie auch nicht. Als Wiedergänger von Don Quijote und Sancho Panza überwinden sie die Realität und finden im Spiel zu der Freiheit, von der Don Quijote und sein Schöpfer träumen.Einmal wagt Manuel ein berauschendes Gedankenspiel. Was wäre, wenn Don Quijote als einziger die Dinge so sehen würde, wie sie wirklich sind? Der Träumer und Phantast ein Visionär, der die Matrix durchschaut und die Riesen hinter den Windmühlen erkennt. Also öffnen sich die Wände der engen Wohnküche und eröffnen Manuel und Hajo den Raum, den sie zum Spielen brauchen. Manuel ist in seinem roten Morgenmantel natürlich der Ritter, der mit seinen romantischen Ideen die Welt aus den Angeln hebt und immer wieder an der kleinlichen Realität scheitert.Wenn Manuel Zschunke sich in Don Quijotes Fantasien von zu Unrecht verurteilten Opfern staatlicher Willkür und von in einer Schlacht aufeinander prallenden Armeen hinsteigert, meint man fast die Schafe, die auch Mauren sein könnten, zu sehen. In dem fast leeren Raum schafft die Imagination der beiden Schauspieler exotische Szenen und Welten. So kann sich Hajo Tuschy vor allen Augen im Handumdrehen in das Pferd Rosinante oder in einen von einem Bauern misshandelten Burschen verwandeln. Und jeder Rollenwechsel erinnert einen daran, dass das Theater wirklich nicht mehr als einen Raum und zwei Leute braucht. Das reicht vollkommen aus, um einen der großen Romane der Weltliteratur in ein Traum-Spiel zu verwandeln, das uns daran erinnert, dass die Wirklichkeit überschätzt wird. Nur mit seiner Forderung nach einem Theater ohne Publikum übertreibt Manuel es etwas. Es reicht doch schon, wenn die Zuschauer nicht werten, sondern sich einfach verzaubern lassen.
bühne
Maerchenstunde mit dem verfassungsschutz dennis laubenthal lilly gropper und christoph rinke
to 09.07.18
Tugsal Moguls „Auch Deutsche unter den Opfern“ im U2
Städtische Bühnen Münster
Irgendwann kommt der Punkt, an dem es einfach zu viel wird, an dem es nicht mehr möglich ist, so weiter zu machen wie bisher. Für Christoph Rinke ist genau dieser Moment erreicht, als er all die Morde aufzählt, die in vergangenen 25 Jahren in Deutschland von Rechtsextremen begangen wurden. Es ist eine nicht enden wollende Litanei brutalster Gewalt. Immer schneller folgen die Namen und Ereignisse aufeinander, und Christoph Rinkes Stimme scheint sich fast zu überschlagen. Maßlose Verzweiflung und unbändige Wut vermischen sich in seinem Vortrag, der schließlich mit dem bitteren Fazit endet: „Das waren alles Einzeltäter.“ So heißt es auf jeden Fall von offizieller Seite. Doch die hat in diesem Augenblick nicht nur für Rinke jede Glaubwürdigkeit verloren.Für die Dauer dieses langen Monologs der Morde, der auch eine Art von Kaddisch ist, scheint Tugsal Moguls Recherche-Projekt zum NSU-Prozess beinahe stillzustehen. Dieser Abend, der mit den unterschiedlichsten Mitteln arbeitet, der mal klassisches Dokumentar-Theater und mal bitterböse Satire ist, der die Morde der Terrorgruppe rekonstruiert und zugleich eine Prognose über den Ausgang des Prozesses wagt, verwandelt sich in ein theatrales Totengebet. Viel zu schnell sind die vielen Opfer rechtsradikaler Gewalt aus den Nachrichten und den Erinnerungen der Öffentlichkeit verschwunden. So ist es nun an uns, ihrer noch einmal zu gedenken.Gleich zu Beginn von „Auch Deutsche unter den Opfern“, in einer Szene, die deutlich an Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ erinnert, heißt es: „Sie werden hier nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben.“ Und genauso ist es auch. Tugsal Mogul versammelt einfach nur Fakten und Aussagen, Polizeimeldungen und Politikerstatements zu der NSU-Mordserie im Besonderen und zu rechter Gewalt im Allgemeinen. Aber in dieser Konzentration entwickelt das Bekannte eine extreme Wirkung. Es lässt sich nicht mehr Verdrängen und Verharmlosen.Mogul und sein Ensemble, das mal CSI und mal Märchenstunde spielt, müssen das Publikum gar nicht beschimpfen. Die Ereignisse, die sie referieren, sprechen für sich und sind immer auch mit einer Frage an uns alle verbunden. Wie konnte es soweit kommen und welchen Anteil hat jeder einzelne daran?
bühne
Tomaufdemlande theatermuenster nummer 01
to 21.06.18
„Tom auf dem Lande“ im U2
Städtische Bühnen Münster
Toms erster Impuls ist Flucht, sein zweiter und dritter wohl auch. Was soll er auf diesem Bauernhof in der tiefsten Provinz. Natürlich hat er einen guten Grund für seinen Besuch. Schließlich ist sein plötzlich bei einem Unfall verstorbener Lebensgefährte hier aufgewachsen und wird nun auch hier beerdigt. Aber es ist offensichtlich, dass dessen Mutter Agathe noch nie etwas von Tom gehört hat. Sie weiß nichts von der Homosexualität ihres jüngsten Sohnes, und so soll es auch bleiben. Das macht Francis, der Bruder des Toten, Tom sofort unmissverständlich klar. Der Großstädter mit dem hippen Job in einer Werbeagentur sollte also tatsächlich schnellst möglich wieder verschwinden. Flucht nicht nur als Reflex, sondern als notwendige Strategie. Doch Tom flieht nicht.Als Xavier Dolan vor ein paar Jahren „Tom auf dem Lande“ verfilmt hat, wurde aus Michel Marc Bouchards Theaterstück ein klaustrophobischer Psychothriller. Der Film, der unter dem Titel „Sag nicht wer du bist“ in die deutschen Kinos kam, spielte fortwährend mit der Möglichkeit, dass Tom die Farm wieder verlässt, und gewann so dessen innerer Zerrissenheit eine enorme, fast an Hitchcock erinnernde Spannung ab. Michael Lethmathe geht in der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks einen anderen Weg. Er gibt Agathe (Regine Andratschke) und Francis (Christoph Rinke) von Anfang an mehr (Spiel)Raum als Dolan. „Tom auf dem Lande“ ist auch ihr Drama, und letztendlich zerreißt es sie ebenso wie ihren von Garry Fischmann gespielten trauernden Besucher.Nicht nur Bouchards Figuren stecken in kaum aufzulösenden Konflikten, sind also Gefangene ihrer Biographien wie ihrer Herkunft. Auch das Stück selbst pendelt zwischen zwei Extremen, die sich nur schwer vereinbaren lassen. Auf der einen Seite ist „Tom auf dem Lande“ ein klassisches „well-made-play“, das seine Geheimnisse nur nach und nach preisgibt und dabei dezidiert Stellung gegen Homophobie nimmt. Auf der anderen spielt Bouchard mit avantgardistischen Mitteln, die von der akribischen Konstruktion des Stückes ablenken. Mit Toms ständigen Monologen und beiseite gesprochenen Kommentaren erinnert das Drama an modernistische Romane des frühen 20. Jahrhunderts.Gerade diese Monologe hat Michael Lethmathe geschickt zusammengekürzt. Sie fügen sich nun perfekt in die Dialogszenen ein. Aus dem so entstehenden Gleichgewicht zwischen Toms Innenansichten und der Außenperspektive auf Francis und Agathe erwächst eine psychologische Spannung, die Regine Andratschke, Christoph Rinke und Garry Fischmann durch ihr differenziertes Spiel fortwährend steigern. Nach und nach offenbart sich ein komplexes Netz unterschiedlichster Lebenslügen. Niemand ist hier so, wie er auf den ersten Blick scheint. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Francis’ Homophobie aus der Angst vor seinen Neigungen geboren ist und dass Agathe vielmehr weiß, als ihre Söhne wahrhaben wollten.
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Foto lucie jansch
to 15.07.18
„Lazarus“ von David Bowie und Enda Walsh in Düsseldorf
Schauspielhaus Düsseldorf
Der schwerkranke Bowie hatte noch die Uraufführung seines Tod, Vergehen und Auferstehen umkreisenden Musicals „Lazarus“ in New York besucht, bevor er im Januar 2016 starb. „Lazarus“ – mit dem Text des Dramatikers Enda Walsh und entlang von 17, 18 Bowie-Songs – orientiert sich an Nicolas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“ bzw. an Walter Tevis’ Romanvorlage. In dem Science-Fiction-Film von 1976 spielt Bowie einen Außerirdischen, der sich auf Erden Newton nennt. Mit Patenten zur Wasser- und Energiegewinnung macht er ein Vermögen, baut ein Imperium, wird Opfer von Intrigen und medizinischer Experimente, erlebt Verrat und Verlust. In der deutschsprachigen Erstaufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus dominiert eine Raumkapsel die Bühne (Volker Hintermeier), die ein Sternenhimmel umspannt und die bestückt ist mit einer Wohnkomfortzone und komplizierten Showtreppen. Leinwände und Monitore erzeugen einen beständigen medialen Rausch, projizieren Straßen- und Stadtsilhouetten und manches mehr und vergrößern die Gesichter der Darsteller in fotografischen Kontaktaufnahmen.  Newton sucht das Vergessen, vom Flimmern der Bilder überlagert und vom Gin gelöscht, den er kippt. Aber er kann es nicht. Mit fremden Augen schaut er auf die Welt, die ihm seine Menschwerdung mit unmenschlichen Methoden aufzwang. Alles findet statt im Kopf dieses sensiblen Alien, dessen Gedanken draußen ins All ausstreuen. Hans Petter Melø Dahl zeigt ihn als in sich verkanteten, mürbe entkräfteten, unerlösten Mister Blues. Abgeschottet in seinen Erinnerungen, ist er ein Verlorener („Lost in Time“), der seiner Liebe – Lieke Hoppe als fragile Fantasy-Prinzessin – nachtrauert und für den New York („This is not America“) sich anfühlt wie irgendein Planet („Life on Mars“). Ihn umgeben Männer wie Frauen, Manifestationen früherer Stationen und Episoden, Fantasie-Figuren, Sendboten der Seele. David Bowie, der sich in seinen späten Jahren zum Verschwinden bringen und Ruhm, Idolisierung, Entfremdung von sich fern halten wollte, wurde sich selbst legendär und hat immer auch das eigene Star-Phänomen reflektiert. In seiner langen Karriere gab es Verwandlungen vom psychedelischen Glam-Rocker, Punk-Rebellen, Sternen-Ritter und Major Tom, Berlin-Emigranten zum smarten Gentleman, bizarren Proteus und den sein Image intelligent spiegelnden Pop-Denker. Enda Walshs poetisch-verträumtes, auch seltsam verrätseltes Libretto und Matthias Hartmanns Regie verschwinden nahezu  hinter der opulenten Video-Artistik, den Kostümen und den soft arrangierten Bowie-Songs, live gespielt von der achtköpfigen Band unter Heinz Hox. Vor allem der Gesang hebt ab. Dies im Besonderen dank der Phantom-Figur des Valentine, der durch das zweistündige „Lazarus“-Drama-Songbook geistert als mörderisch romantischer Luzifer, sanfter Killer und Verführer im funny game Liebe. André Kaczmarczyk spielt grandios diesen biegsamen Master of the Ceremonies, der mehr als nur Sieben Nächte lang die Sünde verkörpert. Zum Finale steigen Newton und sein Mädchen mit der Rakete zu den Sternen auf, während der sich windende Valentine, entmachtet, in der Unterwelt verbleibt. Die Liebe besiegt den Tod – ein Märchen?! 
bühne
Auf dem weg zur russischen revolution henriette hoelzel und chor
to 15.06.18
„Proletenpassion“ am Grillo-Theater
Grillo Theater (Schauspiel Essen)
1976 war die Revolution noch zum Greifen nah. Der Mai ´68 in Paris hatte es gezeigt. Wenn Arbeiter und Studenten zusammenstehen, können sie die Welt verändern. Also haben Heinz R. Unger und die Rockband „Schmetterlinge“ in ihrer 1976 bei den Wiener Festwochen uraufgeführten „Proletenpassion“ die Ausgebeuteten und Unterdrückten vor allem zur Einigkeit aufgerufen. Ihre Songs erzählen vor allem von blutigen Niederlagen und sich wiederholenden Fehlern, die am Ende immer wieder die Reaktion triumphieren ließen. Aber die Stoßrichtung dieser Agitpop-Revue war eindeutig: „Wir lernen im Vorwärtsgehn“, wie es der Titel des Schlusslieds verkündet.In der neuen Bearbeitung von Bernd Freytag und Mark Polscher fehlt das Schlusslied wie auch viele andere Songs gleich ganz. Die „Proletenpassion“ ist längst Teil der Geschichte geworden, die sie erzählt. Noch eine Niederlage mehr, und die Hoffnungen von damals scheinen mittlerweile zu Grabe getragen. Also haben Freytag und Polscher für ihre Inszenierung ein riesiges Mausoleum erschaffen. Vier Stufen führen auf die Bühne, deren Portal wie einem steinernen Torbogen gleicht, dahinter gähnende Leere und schwarz verhängte Wände. In diesem Grabmal sozialistischer Ideen kommt ein Chor-Kollektiv aus Laien und fünf Schauspielern zusammen, um noch ein letztes Mal an die Bauernkriege, die französische Revolution, die Pariser Kommune von 1871, die Oktoberrevolution und den deutschen Faschismus zu erinnern.Aber dem Kollektiv steht von Anfang an „Ich“ gegenüber, das nicht an große Gemeinschaften und auch nicht an progressive Bewegungen glaubt, das sein Glück im Privaten sucht und zugleich an seiner eigenen Zersplitterung verzweifelt. Zu Beginn spielt Silvia Weiskopf diese Vertreterin einer radikalen Individualität. Später übernehmen andere Chor-Mitglieder diese Rolle, bis schließlich in der letzten Szene das gesamte Kollektiv die von Freytag und Polscher entwickelten „Ich“-Texte spricht. Aus der allgemeinen Vereinzelung erwächst eine neue Gemeinschaft.Die neuen Texte sind dabei nur ein Mittel, mit dem Freytag und Polscher die ursprüngliche „Proletenpassion“ unterlaufen. Sie haben zudem die Musik der „Schmetterlinge“ komplett aus ihrer Fassung verbannt. Stattdessen hat der Theatermusiker Mark Polscher mit den Mitgliedern des Laienchors das Orchester „The Proleten Workshop“ gegründet. Alle spielen ein Instrument, ohne es vollständig zu beherrschen. Ein gewisser musikalischer Rahmen ist zwar vorgegeben, aber in ihm können die einzelnen Chormitglieder eigene Wege gehen. So entstehen extrem schroffe, dissonante Zwischenspiele, die sich wie die „Ich“-Reflexionen zwischen die rein a capella gesungenen Lieder drängen. In ihnen spiegelt sich zugleich der große Konflikt zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv. Sie musizieren zusammen, und doch folgt jeder seiner eigenen Melodie.