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Zeltstadt KulturPur in Hilchenbach-Lützel, © KulturBüro! Siegen-Wittgenstein
bühne
Noch scheint alles in ordnung niklas kohrt thelma buabeng melanie kretschmann und simon kirsch
to 28.11.18
Ayad Akhtars „Geächtet“ in der Außenspielstätte am Offenbachplatz
Außenspielstätte am Offenbachplatz (Schauspiel Köln)
So ganz kann der erfolgreiche Anwalt Amir nicht verstehen, warum seine Frau Emily ihn ausgerechnet im Stil von Diego Velázquez’ berühmten Gemälde „Porträt des Juan de Pareja“ porträtiert. Er ist schließlich kein Sklave. Aber letztlich vertraut er Emily und weiß auch ganz genau, dass dieses Bild vor allem ein Ausdruck ihrer Liebe zu ihm ist. Also wechseln Simon Kirsch und Melanie Kretschmann während ihres kurzen Disputs über das Gemälde und über den alltäglichen Rassismus in New York ständig Blicke, mit denen sich Amir und Emily ihrer Liebe versichern. Das alles ist auch eine Art von Vorspiel, das schon bald ins Körperliche übergleiten wird.So nimmt Stefan Bachmann in seiner Inszenierung von Ayad Akhtars „Geächtet“ der ersten etwas von ihrer symbolischen Schwere. Natürlich schwingen auch hier schon die großen Themen und Konflikte des Stücks mit. Aber zunächst etabliert Bachmann Emily und Amir einfach als zwei Menschen, die sich perfekt ergänzen. Kirschs Amir, in dessen Spiel sich Zorn und Zärtlichkeit, Selbstsicherheit und Zweifel auf wundervolle Weise die Waage halten, und Kretschmanns Emily, die für ihren Mann ebenso brennt wie für ihre Kunst und ihre Ideale, sind hier tatsächlich ein großes Liebespaar. Damit verschiebt Bachmann den Blick auf das Stück. Aus einer tagesaktuellen Konversationskomödie wird eine moderne Tragödie, die durchaus Parallelen zu Shakespeares „Othello“ aufweist.Der Bühnenkasten, den Simeon Meier für Bachmann in die Außenspielstätte am Offenbachplatz hineingebaut hat, ist ein goldener Käfig. Er erinnert einen fortwährend daran, dass Amir ein Gefangener einer Gesellschaft ist, die ihn nur zu ihren rigorosen Bedingungen akzeptiert. Für seinen Aufstieg musste er erst einmal seine pakistanischen Wurzeln und damit auch seine muslimische Erziehung verleugnen. Als er auf Drängen seiner Frau Emily und seines Neffen Abe Partei für einen unter Anklage stehenden Imam ergreift, setzt er eine Kettenreaktion in Gang, an deren Ende er alles verloren haben wird. Aber auch Emily, Amirs afroamerikanische Kollegin Jory (Thelma Buabeng) und deren Mann, der einflussreiche Kunstkurator Isaac (Niklas Kohrt), sind längst nicht frei. Ihre Herkunft und ihre Stellung in der Gesellschaft machen sie zu Geiseln. Nur haben sie in der Post-9/11-Welt die etwas besseren Karten. Sie stehen nicht von vornherein unter Generalverdacht.Stefan Bachmann ordnet sich mit seiner Inszenierung ganz Akhtars Dialogen unter, in denen die schönen Lügen der Profiteure der westlichen Gesellschaften ebenso wie der fehlgeleitete Zorn der Außenseiter gnadenlos seziert werden. An Yasmina Reza, deren Stücke so oft als Vorbilder für „Geächtet“ genannt werden, erinnert hier nichts mehr. Dafür sind die im Kasten gefangenen Menschen von Anfang an viel zu komplex und widersprüchlich. Bachmanns Zurückhaltung wischt alles Boulevardeske beiseite und ermöglicht seinem Ensemble eine ungeheuere Freiheit.
bühne
Diehoelleinferno wuppertalerbuehnen nummer 01
to 19.11.18
„Die Hölle/Inferno“ – Eine Reise mit Dante durch das Opernhaus
Oper Wuppertal
Das elegante Kronleuchterfoyer des Wuppertaler Opernhauses verströmt noch einen Hauch jener (groß)bürgerlichen Grandezza, die einst Teil des Theaters war. Der imposante Kronleuchter und die Stuck-Ornamente an den Wänden wecken Erinnerungen an eine schon lange vergangene Zeit. Doch die Bilder, in denen man in Gedanken schwelgt, verflüchtigen sich schon bald. Ein kitschiger Schlager holt einen unsanft in die Gegenwart zurück. Währenddessen schiebt ein Mann im weißen Kittel einen anderen, komplett in weißes Papier gewickelten Mann durch das Foyer.Von der Selbstsicherheit des Bürgertums, das sich Museentempel wie das Opernhaus errichtet hat, um sich zu feiern und seiner Stellung zu vergewissern, ist nichts mehr übrig. Was bleibt, ist eine Krankenstation, ein Sanatorium der Ängste und Neurosen, der Unsicherheiten und der Hybris. Durch deren verborgene Gänge und Räume wird Thomas Braus das Publikum führen. „Eine Reise ins Innere“ nennen er, der auch die reduzierte Textfassung erstellt hat, und sein Regisseur Johann Kresnik diese Annäherung an den ersten Teil von Dantes „Göttlicher Komödie“. Die Hölle, das sind wir. Also geht es ins Innere des Theaters, nach ganz oben unter das Kuppeldach des Opernhauses, und ins Innerste eines Menschen, in dem wir uns alle spiegeln.Wie ein Springteufel platzt Thomas Braus aus dem Papier heraus. Aber das ist kein Befreiungsschlag, eher schon ein böses Erwachen: „In der Mitte meines Lebens verirre ich mich in einem Wald, der kein Wald ist, sondern mein Leben.“ Die christlich-katholischen und die abendländisch-literarischen Wurzeln von Dantes Epos kappen Braus und Kresnik beherzt. Dieser Mann im schwarzen Anzug, der fortan mit sich ringen und vor sich selbst fliehen wird, ist kein Dichter der frühen Renaissance. Er ähnelt eher Heiner Müllers „Mann im Fahrstuhl“. Insofern überrascht es auch nicht, dass schließlich im neunten Kreis der Hölle einige Verse tatsächlich wie von Müller klingen.Vom Kronleuchterfoyer führt der Weg in die Hölle durch enge Treppenhäuser unters Dach. Dort wirkt das Opernhaus mit seinen Stahlträger-Treppen, seinen Drahtgitter-Brücken und den überall hervorragenden Metallkästen tatsächlich wie eine Höllen-Fantasie, nur nicht von Dante. Sie entspringt vielmehr dem späten 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung ihr Inferno entfacht hat. Hier begegnen dem Verwirrten und Verirrten, den Braus mit größten Körpereinsatz spielt, die Versuchungen der modernen Welt: die Gier und der Zorn, der Hedonismus und die Gewalt. Die Leidenden, denen er auf seiner Reise durch die Höllenkreise begegnet, sind Facetten seines eigenen Ichs.Kein Wunder, dass dieser Mann nicht weiß, wer er ist. Die Leere und Lügen, in denen sich die zum Wutbürgertum gewordene Bourgeoisie, deren Repräsentant er ist, verloren hat, gebären Albträume. Also robbt Braus zwischen den Zuschauern hin und her, veranstaltet ein Hühnchenmassaker, schleppt, ein moderner Narziss, einen Spiegel herum und tanzt am Abgrund. Die Kunst kann nichts mehr beschönigen, das Theater nicht mehr beruhigen. Seine einzige Chance ist noch, den Finger in die Wunde zu legen, die grotesken Konstruktionen hinter der Jugendstil-Fassade offenzulegen und die Geister der großen Gegangenen zu beschwören. Auch wenn Thomas Braus bis ans Äußerste geht, hat Johann Kresniks Körper-Choreographie und Bilder-Rausch nichts Berserkerhaftes. Eine überraschend sanfte Wehmut erfüllt diese Theater-Reise, die immer wieder auf Pina Bausch anspielt, sei es über die Musik, die von fern herüberweht, oder das rote Kleid, in das Braus einmal schlüpft.
kunst
Cesare sofianopulo maschere 1930
28.09.18 - 13.01.19
Ausstellung: "Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre"
Museum Folkwang
Mutter und Kind beim Frühstück, ein verträumter Knabe in roter Wäsche beim Angeln. Die Bilder scheinen recht harmlos und offensichtlich zu sein: Eine ligurische Landschaft, ein Stillleben mit Blumen, eines mit Amphore und Zitrone. „Unheimlich real“ unter diesem Ausstellungstitel widmet sich Museum Folkwang einer Strömung in der italienischen Malerei der 1920er Jahre. Auf den ersten Blick wirken diese Werke direkt und ein bisschen naiv. Doch schaut man genauer hin, beginnt man sich zu wundern und zu fragen. Was bloß steckt hinter Cesare Sofianopulos doppeltem und in sich gespiegelten Selbstporträt auf einem einsamen Platz? Warum steht Carlo Carràs „Sohn des Konstrukteurs“ mit Tennisschläger und Ball so verloren in einem engen Innenraum herum? Welche Geschichten werden hier erzählt? Was hat es auf sich mit den vielen Masken und Maskeraden, den armen Harlekinen, die Karten spielen oder musizieren? Den verwaisten Plätzen oder beengten Innenräumen und den einsam wirkenden Menschen? Seit den 1920er Jahren ist der Magische Realismus in Literatur und Malerei in Europa, Nord- und Südamerika präsent, die Namen Gabriel Garcia-Marquez ebenso wie Giorgio de Chirico und Carlo Carrà kennt man, die vielen anderen Kollegen, die malend und schreibend sich der Magie des Alltäglichen widmeten, weniger. Gerade in der italienischen Malerei der 1920er Jahre aber hat dieser, immer ein bisschen unfassbare Magische Realismus eine besondere Ausprägung erfahren. Die Schau in Essen nun geht auf die verschiedenen Facetten und Motive jener Kunst ein. Es ist eine Kunst, hinter deren sichtbaren Motiven und glatten Oberflächen noch etwas Anderes zu lauern schein. Es ist diese Hinwendung zu nicht sichtbaren Realitäten, zur Halluzination, zum Traumhaften, Metaphysischen, zum Kindlichen und Verdrängten, das sich Bahn bricht – kurz nachdem Sigmund Freud es in Wissenschaft und Psychotherapie ausgearbeitet und überhaupt etabliert hat.Alogische Raumkompositionen bestimmen die Bilder, ihr Bühnencharakter ist allgegenwärtig, fast so als würde man die Wirklichkeit in Anführungszeichen setzen.Die puppenhaften, manchmal auch gesichtslosen Figuren konkurrieren in ihrer Bezugslosigkeit und Rätselhaftigkeit mit den anderen trocken gemalten, wie konstruierten Bildelementen. Angesiedelt zwischen Neuer Sachlichkeit, neoklassischen Tendenzen und Surrealismus und gewürzt mit einer Prise Quattrocento scheinen das Bildpersonal und die Bildgegenstände auf den Gemälden in einer ganz besonderen Stimmung und Atmosphäre zu schweben, scheinen, trotz ihrer oftmals betonten Farbigkeit, wie in einen kühlen Nebel gehüllt zu sein. Das in grobem Naturalismus dargestellte vermeintlich Greifbare entzieht sich gleich wieder und lässt den Bildbetrachter ratlos zurück. Manche der Bilder und Motive haben das Potential, zu verzaubern, andere sind eher irritierend und sogar etwas fragwürdig, besonders die offenbar erotisch gemeinten Bilder, die noch nicht einmal wirklich provozierend sind... Oft vermitteln die Bilder eine rätselhafte Atmosphäre der Verlorenheit, die nicht bloß das stumme Bildpersonal und die perspektivisch verzerrten Architekturen, sondern selbst die in geheimnisvolles Licht getauchten Dinge ergreift, Topfpflanzen oder Trinkbecher etwa, Blumenvasen, Weinschläuche, Musikinstrumente, Flaschen. In späteren Jahren haben Künstler wie der amerikanische Maler Edward Hopper auf den magischen Realismus zurückgeblickt und sich vielleicht für die eigenen melancholischen Bilder inspirieren lassen. Und auch die magischen Dingobjekte in den Gemälden von Konrad Klapheck können wohl mit Blick auf Magischen Realismus betrachtet werden. 
bühne
Daniel rothaug macht sich jon atli jonassons monolog die tiefe mit einfachsten mitteln zu eigen
to 31.10.18
Jón Atli Jónassons „Die Tiefe“ im Saal 2
Saal 2, Malersaal (Theater Oberhausen)
Es beginnt sehnsuchtsvoll und romantisch. Daniel Rothaug sitzt hinter den an Tischen im Saal verteilten Zuschauerinnen und Zuschauer an der Bar, singt Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ und begleitet sich dabei selbst auf der Ukulele. Schon ist man mittendrin in der Welt des jungen isländischen Fischers, der von einem Mädchen aus der Nachbarschaft träumt und nebenbei Geld für einen amerikanischen Oldtimer, einen Plymouth Barracuda, spart. Nur noch eine Rate fehlt, dann kann er sich sein Traumauto leisten, und das wird ihm, dem Schüchternen, sicher helfen, das Herz des Mädchens zu erobern.Mit wenigen, aber dafür ungeheuer präzisen Strichen gelingt es dem isländischen Dramatiker Jón Atli Jónasson in dem Monodrama „Die Tiefe“, ein dichtes und anrührendes Porträt des Lebens der Fischer an Land wie auf See zu zeichnen. Wenn Daniel Rothaug vom Dorf des jungen Mannes erzählt, sieht man die kleine Gemeinde am Meer regelrecht vor sich, und wenn er die anderen Fischer beschreibt, glaubt man mit ihnen zusammen am Tisch zu sitzen. Angesichts dieser sprachlichen Intensität kommen Daniel Rothaug und sein Regisseur Josef Zschornack mit ganz wenigen Requisiten aus. Gut zwanzig umgekippte Stühle beschwören die elementare Kraft des Meeres herauf, und eine Reihe nackter Glühbirnen steht für den kalten Nachthimmel, unter dem Rothaugs Fischer schließlich um sein Leben kämpfen wird.Ein Strm erwischt den Kutter und lässt ihn kentern. Der junge Mann wird davon in seiner Kajüte überrascht und muss fortan mit den Gewalten der Natur ringen. Es gelingt ihm zwar noch, dem sinkenden Wrack zu entkommen. Aber wenig später treibt er allein im Atlantik langsam seinem Tod entgegen. Schon kleine Gesten und Bewegungen reichen Rothaug, die Anstrengungen des Fischers zu illustrieren. Er gibt einfach nicht auf, und so glaubt man die ganze Zeit über fest an ein Wunder, das natürlich nicht kommen wird. Selbst als alles längst schon verloren ist, reißt einen die unermessliche Sehnsucht des jungen Mannes, der in einem eine Zeit lang über ihm kreisenden Seevogel einen Gefährten findet, mit. Noch in größter Not gibt es immer noch Momente der Hoffnung. Am Ende, kurz bevor die Glühbirnen verlöschen und die Dunkelheit alles verschluckt, gibt sich Rothaug einem Traum von Liebe und Glück hin, der ebenso real erscheint wie die Wellen, in denen seine Figur auf immer verschwindet.
bühne
Foto sandra then
to 17.01.19
"Momentum" von Lot Vekemans in Düsseldorf
Central am Hbf. (Schauspielhaus Düsseldorf)
Schwachheit, dein Name sei Mann. Ein Regierender, demokratisch gewählter Parteivorsitzender und Staatspräsident, in der Krise. Meinrad (Christian Erdmann) fühlt sich ausgelaugt, ist amtsmüde, labil, depressiv. Doch noch aus dem Scheitern zieht das politische System sein Kalkül. Hofmanns Frau Ebba (Jana Schulz), die diesen Erfolg begleitet, gestützt und mitbewirkt, eigene Ambitionen in deren Dienst gestellt hat und die sich ebenso wie er mit Tabletten aufrecht und in Verfassung hält, werden schließlich womöglich die Rollen tauschen. Sie möchte, dass er nun das für sie tut, was lange sie für ihn getan hat. „Weil du es kannst. Weil es in deiner Macht liegt“. Ende offen. Ein Plädoyer für Frauenpower ist „Momentum“ nur nebenbei. Die Korridore der Macht haben dunkle Winkel. Lot Vekemans’ Drama, das des weiteren einen Spindoctor und eine Art modernen Hofpoeten einbindet, will sie ausleuchten. Es referiert und reflektiert über Lust und Unlust, über die Dialektik, die Droge, das Aroma, den Geruch, den ungesunden Gestank politischer Herrschaft. In der von Roger Vontobel inszenierten Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus-Central führt ein beleuchteter Steg durch eine bestuhlte Lounge (Bühne Klaus Grünberg) Diesseits und jenseits von Aufstieg und Fall einer Karriere liegt eine zweite Erzählung: die von Ebba als Mutter und ihrer Wandlung von der beherrscht kühlen Strategin, die rhetorisch brillant ihre Floskeln ans Volk bringt, zur in sich zerrütteten Dark Lady, zur körperlich weich werdenden Pietà und zur unaggressiv souveränen Herausforderin des Mannes. Jana Schulz zeigt den Sprung im Panzerglas, bis es splittert und birst. Ebba hatte Jahre zuvor eine Fehlgeburt. Dieses wesenlose Kind erscheint ihr nun leibhaftig. Mehr noch, dieser Möglichkeitsmensch, den sie Felix nennen wollte und nennen wird, ist beständig anwesend: als spöttischer, gelangweilter, unduldsamer Beobachter, Coach und Spiegel der Anderen. Halbstarker in Schwarz, Artist im Irrealis der Existenz, Fleisch gewordenes Trauma, nervöser Kindskopf, der aufspringt wie ein Klappmesser, der die Mechanik der Macht aushebelt und die Monster des Verdrängten loslässt – so gibt ihm André Kaczmarczyk Soul. Jana Schulz und er als ihr schmiegsam provozierender Schatten kämpfen ein Duell und treffen sich in einem Duett symbiotischer Intimität, nachdem Ebba sich beinahe aufgeben wollte. Hier, in einem Transitraum zwischen Welt und Tod, malt sich in Düsseldorf Vekemans’ Drama zum Nachtstück aus.